|
RESULTATE
Schriftliche
Quellen zur Geschichte von Tagesschau–Téléjournal–Telegiornale
(vgl. Archivverzeichnis im Schweizerischen Bundesarchiv)
Der Hauptteil
der schriftlichen Akten zur Tagesschau befindet sich in den Archiven
der SRG in Bern sowie des Schweizer Fernsehens DRS in Zürich,
unter dessen Dach die Sendung Tagesschau-Téléjournal-Telegiornale
gesamtschweizerisch bis zur Regionalisierung von 1981 produziert
wurde.
Die Archivrecherchen
zeigten, dass die schriftlichen Quellen, die die Geschichte der
Sendung «Tagesschau–Téléjournal–Telegiornale» dokumentieren, sehr
lückenhaft sind. Aus den ersten 15 Jahren des Bestehens der Tagesschau,
also den Jahren 1953 bis Ende der 1960er Jahre, existieren kaum
schriftliche Unterlagen, allenfalls vereinzelte Korrespondenz
mit der SRG, Pressestimmen zur Tagesschau, vereinzelte Kritiken
und Beschwerden sowie einige Berichte und Protokolle der SRG-Programmkommission
betreffend die Tagesschau. Dies ist sicher Ausdruck der Aktualitätsbezogenheit
der Tagesschauschaffenden, aber auch der damals noch auf ein Minimum
beschränkten Verwaltungstätigkeit: Innerhalb der kleinen Tagesschauredaktion
lief die Kommunikation vornehmlich mündlich ab; beim Schriftlichen
beschränkte man sich auf das Wichtigste, d.h. vor allem auf die
Nachrichtentexte. Dies bestätigten ehemalige Tagesschauschaffende
später in den Interviews.
Auch für die
restlichen Jahre ist die Geschichte der nationalen Tagesschau
schriftlich recht lückenhaft dokumentiert. Auf SRG-Ebene und was
die Diskussionen um die Regionalisierung der Tagesschau anbelangt,
gibt es zwar einen ansehnlichen Aktenbestand. Schriftliche Unterlagen
zum Redaktionsalltag in Zürich haben sich jedoch nur mehr oder
weniger zufällig erhalten; sehr vieles ist in den 70er Jahren
Aufräumeaktionen der Abteilung zum Opfer gefallen.
Nach der Regionalisierung
von Tagesschau, Téléjournal und Telegiornale hat sich die Aktenlage
nur punktuell verbessert. In Zürich haben sich u. a. die Tagesschau-Abteilungsprotokolle
und verschiedene Korrespondenzen und Berichte aus den 80er Jahren
erhalten. Bei der TSR in Genf sind aus den 80er Jahren hingegen
nur die Téléjournal Skripts und Résumés aufbewahrt worden. Noch
radikaler verfährt man im Tessin: Im Archiv des TSI sind zum Telegiornale
nur die Skripts und Sendeabläufe aus den letzten zwei bis drei
Jahren zu finden. Die restlichen Akten werden regelmässig entsorgt.
Die Suche
nach schriftlichen und fotografischen Quellen bei ehemaligen Tagesschauschaffenden
hat sich als wenig ergiebig erwiesen: Gesammelt und aufbewahrt
wurde nur in Ausnahmefällen. Bestimmendes Kriterium war zumeist
der persönliche nostalgische Wert. Soweit die Bereitschaft da
war, wurde das wenige schriftliche und fotografische Material
aus Privatsammlungen kopiert und dem Bundesarchiv übergeben oder
Depotverträge für eine zukünftige Übernahme abgeschlossen.
Mündliche
Quellen zur Geschichte von Tagesschau–Téléjournal–Telegiornale
(vgl. Verzeichnis der Interviewten)
Insgesamt
wurden Oral-History-Interviews mit 34 Zeitzeugen der Tagesschaugeschichte
geführt. Unter den Befragten befinden sich zur Hauptsache Redaktoren
und Redaktorinnen, inklusive solche in Vorgesetztenfunktion. Dazu
kommen Kameramänner, ein Cutter und eine Cutterin, ein Filmoperateur
und Techniker, ein Realisator, Koordinator und Dokumentalist,
Sprecher und Präsentatorinnen, ein Produktionschef und Leiter
der Aktualitätenkoordination sowie der ehemalige oberste Chef
der Tagesschau bei der SRG.
Von jedem
auf DAT-Kassetten aufgezeichneten Gespräch existiert eine Arbeitskopie
auf Compact Disc, die den BenutzerInnen im Schweizerischen Bundesarchiv
für Recherchen zur Verfügung gestellt wird. Die Interviewaussagen
sind stichwortartig in einer Datenbank erfasst, deren Felder entsprechend
dem Gesprächsfrageraster strukturiert sind. BenutzerInnen können
also via Datenbank ein Stichwort – zum Beispiel «Regionalisierung»
– eingeben, den entsprechenden Kurztext in der Datenbank lesen
und schliesslich mit der dazugehörigen Indexnummer die entsprechende
Interviewstelle in der Audioquelle (Compact Disc) suchen und abhören.
Sie können aber auch auf ein Datenbankfeld rekurrieren, das einer
bestimmten Frage entspricht: zum Beispiel «Beschreibung Arbeitsalltag
bei der Tagesschau», und die diesbezüglichen Aussagen verschiedener
Tagesschauzeitzeugen vergleichen. Und so weiter. Die im Schweizerischen
Bundesarchiv zugängliche Datenbank bietet vielfältige Recherchemöglichkeiten,
und der entsprechende Originalton ist dank der in der Datenbank
verzeichneten Indices in der Tonquelle leicht aufzufinden.
Angesichts
der vor allem für die Frühzeit der Tagesschau prekären schriftlichen
Quellenlage bilden die Erinnerungsinterviews einen wichtigen Baustein
zur Erforschung der Tagesschaugeschichte, vor allem des Produktionsalltags.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Tonquellen und die Datenbank rege
benützt und wissenschaftlich ausgewertet werden.
Bemerkungen
zur Methodik und zur praktischen Durchführung der Oral-History-Interviews
Methodisch
wirft die Zeitzeugenbefragung erhebliche Probleme auf. Ein historisches
Interview ist kein Originalzeugnis aus der Vergangenheit, sondern
ein nachträglich erzeugtes Kunstprodukt. Die Zeitzeugenbefragung
ist infolgedessen eine mehrfach gebrochene Quelle, da sie ein
Ergebnis aus dem Zusammenspiel von drei hauptsächlichen Faktoren
ist: des/der Interviewten, des Interviewers/der Interviewerin
und des öffentlichen Geschichtsbewusstseins. Der Wert und die
Interpretation eines solchen Dokuments hängt somit von mehreren
Aspekten ab:
- den Fragen
und Absichten des Interviewers/der Interviewerin;
- dem Einfühlungsvermögen
des Interviewers/der Interviewerin in die Person des/der Interviewten
und dessen/deren Situation;
- der Art
des Interviews: gezielte Fragen zu bestimmten Gegenständen,
offene Fragen zum Bericht über ganze Lebensabschnitte oder standardisierte
Fragelisten mit festgelegten Auswahlantworten;
- den Darstellungsfähigkeiten,
Sichtweisen und Absichten des/der Interviewten;
- dem Erinnerungsvermögen
des/der Interviewten, dem Wandel der Erinnerung und den Verdrängungen;
- dem Gegenstand
der Erinnerung: private Geschichte, alltägliche Lebensumstände
und -tätigkeiten, öffentliche bzw. allgemeine Geschichte;
- der Art
der Veröffentlichung (Verschriftlichung, Visualisierung …).
Zielsetzung,
Hypothesen und Fragestellungen eines Interviews müssen daher möglichst
klar formuliert und auch für die späteren BenutzerInnen offen
gelegt werden, was zudem für die Vergleichbarkeit verschiedener
Interviews zum gleichen Gegenstand erforderlich ist. Die InterviewerInnen
müssen sich darüber klar werden, wie sie ihre jeweiligen InterviewpartnerInnen
ansprechen und auf sie eingehen. Sie müssen sich darauf vorbereiten,
durch Fragen auf die verschiedenen Aspekte ihres Themas zu lenken,
um weitschweifiges Erzählen oder Wiederholungen zu vermeiden.
Sie müssen sich überlegen, wie weit sie bei Lücken und Ungereimtheiten
nachfragen, ohne den/die InterviewpartnerIn zu verletzen.
Im Projekt
wurde die Befragung der Zeitzeugen und die dokumentarische Auswertung
der Gespräche nach den praktischen Richtlinien der modernen «Oral
History» durchgeführt. Es wurden interviewergeleitete Gespräche
auf der Grundlage vorstrukturierter Fragebogen, doch in diskursiv
offener Form durchgeführt. Der den InterviewerInnen zur Verfügung
stehende Fragebogen umfasste Fragen zu folgenden Themenbereichen:
- Biographischer
Hintergrund
- Umstände
der Anstellung bei der Tagesschau
- Arbeits-
und Produktionsalltag bei der Tagesschau
- Konzeptionelle
Anforderungen an die Tagesschau (Form und Inhalt) und Diskussionen
darüber
- Arbeits-
und Betriebsklima
- Regionalisierung
der Tagesschau
Die InterviewerInnen
wurden angehalten, sich gründlich auf die Gespräche vorzubereiten.
Soweit vorhanden wurden ihnen biographische Angaben zu ihren GesprächspartnerInnen
zur Verfügung gestellt. Um kompetent nachfragen zu können, hatten
sie sich auch mittels einer Dokumentation zur Geschichte der Tagesschau
historisches Grundwissen anzueignen.
Für die Gesprächssituation
als wichtig erachtet wurde ausserdem, die zu befragenden Personen
über den genauen Sinn des Projekts aufzuklären und ihnen genügend
Informationen zur Stützung des Gedächtnisses zur Verfügung zu
stellen, damit sie vorbereitet und entsprechend bereit waren,
nützliche Informationen zur jeweils interessierenden Thematik
zu liefern. Dazu gehörte auch, die Interviewten über den Verwendungszweck
des mit ihnen aufgezeichneten Erinnerungsgesprächs aufzuklären.
Für die Benutzung der archivisch erfassten Oral-History-Aufzeichnungen
legte das Schweizerische Bundesarchiv ihre Bestimmungen in einem
Reglement nieder, das den Datenschutzbedürfnissen der Interviewten
Rechnung trägt.
Befragt wurden
ausschliesslich Kommunikatoren, d. h. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
der dreisprachigen Tagesschau. Die Auswahl der Interviewpartner
und -partnerinnen erfolgte nach den Parametern Sprachregion, Hierarchie,
Arbeitsbereich (Redaktion, Produktion, Technik, Administration)
und Zeitraum der Anstellung. Aus schriftlichen Quellen und aufgrund
von Gesprächen mit langjährigen Tagesschauschaffenden wurde eine
erste provisorische Namensliste zusammengestellt, die nach den
erwähnten Parametern geordnet wurde. Danach wurde eine erste Selektion
getroffen und Vorgespräche mit den ausgewählten Zeitzeugen der
Tagesschau geführt. Die Angefragten erhielten überdies schriftliche
Informationen zum Projekt. Allgemein zeigten sie grosses Interesse
am Projekt. Nur wenige entschieden sich zur Absage.
|