Memoriav


Bümplizstrasse 192
CH - 3018 Bern

Tel. 031 380 10 80
Fax 031 380 10 81

info@memoriav.ch
www.memoriav.ch

 
 
  Politische Information - Information politique: Begleitprojekt
Wissenschaftliche Recherchen und mündliche Befragungen zur Geschichte der Sendung «Tagesschau – Téléjournal – Telegiornale» des Schweizer Fernsehens
 

 

RESULTATE

Schriftliche Quellen zur Geschichte von Tagesschau–Téléjournal–Telegiornale
(vgl. Archivverzeichnis im Schweizerischen Bundesarchiv)

Der Hauptteil der schriftlichen Akten zur Tagesschau befindet sich in den Archiven der SRG in Bern sowie des Schweizer Fernsehens DRS in Zürich, unter dessen Dach die Sendung Tagesschau-Téléjournal-Telegiornale gesamtschweizerisch bis zur Regionalisierung von 1981 produziert wurde.

Die Archivrecherchen zeigten, dass die schriftlichen Quellen, die die Geschichte der Sendung «Tagesschau–Téléjournal–Telegiornale» dokumentieren, sehr lückenhaft sind. Aus den ersten 15 Jahren des Bestehens der Tagesschau, also den Jahren 1953 bis Ende der 1960er Jahre, existieren kaum schriftliche Unterlagen, allenfalls vereinzelte Korrespondenz mit der SRG, Pressestimmen zur Tagesschau, vereinzelte Kritiken und Beschwerden sowie einige Berichte und Protokolle der SRG-Programmkommission betreffend die Tagesschau. Dies ist sicher Ausdruck der Aktualitätsbezogenheit der Tagesschauschaffenden, aber auch der damals noch auf ein Minimum beschränkten Verwaltungstätigkeit: Innerhalb der kleinen Tagesschauredaktion lief die Kommunikation vornehmlich mündlich ab; beim Schriftlichen beschränkte man sich auf das Wichtigste, d.h. vor allem auf die Nachrichtentexte. Dies bestätigten ehemalige Tagesschauschaffende später in den Interviews.

Auch für die restlichen Jahre ist die Geschichte der nationalen Tagesschau schriftlich recht lückenhaft dokumentiert. Auf SRG-Ebene und was die Diskussionen um die Regionalisierung der Tagesschau anbelangt, gibt es zwar einen ansehnlichen Aktenbestand. Schriftliche Unterlagen zum Redaktionsalltag in Zürich haben sich jedoch nur mehr oder weniger zufällig erhalten; sehr vieles ist in den 70er Jahren Aufräumeaktionen der Abteilung zum Opfer gefallen.

Nach der Regionalisierung von Tagesschau, Téléjournal und Telegiornale hat sich die Aktenlage nur punktuell verbessert. In Zürich haben sich u. a. die Tagesschau-Abteilungsprotokolle und verschiedene Korrespondenzen und Berichte aus den 80er Jahren erhalten. Bei der TSR in Genf sind aus den 80er Jahren hingegen nur die Téléjournal Skripts und Résumés aufbewahrt worden. Noch radikaler verfährt man im Tessin: Im Archiv des TSI sind zum Telegiornale nur die Skripts und Sendeabläufe aus den letzten zwei bis drei Jahren zu finden. Die restlichen Akten werden regelmässig entsorgt.

Die Suche nach schriftlichen und fotografischen Quellen bei ehemaligen Tagesschauschaffenden hat sich als wenig ergiebig erwiesen: Gesammelt und aufbewahrt wurde nur in Ausnahmefällen. Bestimmendes Kriterium war zumeist der persönliche nostalgische Wert. Soweit die Bereitschaft da war, wurde das wenige schriftliche und fotografische Material aus Privatsammlungen kopiert und dem Bundesarchiv übergeben oder Depotverträge für eine zukünftige Übernahme abgeschlossen.

Mündliche Quellen zur Geschichte von Tagesschau–Téléjournal–Telegiornale
(vgl. Verzeichnis der Interviewten)

Insgesamt wurden Oral-History-Interviews mit 34 Zeitzeugen der Tagesschaugeschichte geführt. Unter den Befragten befinden sich zur Hauptsache Redaktoren und Redaktorinnen, inklusive solche in Vorgesetztenfunktion. Dazu kommen Kameramänner, ein Cutter und eine Cutterin, ein Filmoperateur und Techniker, ein Realisator, Koordinator und Dokumentalist, Sprecher und Präsentatorinnen, ein Produktionschef und Leiter der Aktualitätenkoordination sowie der ehemalige oberste Chef der Tagesschau bei der SRG.

Von jedem auf DAT-Kassetten aufgezeichneten Gespräch existiert eine Arbeitskopie auf Compact Disc, die den BenutzerInnen im Schweizerischen Bundesarchiv für Recherchen zur Verfügung gestellt wird. Die Interviewaussagen sind stichwortartig in einer Datenbank erfasst, deren Felder entsprechend dem Gesprächsfrageraster strukturiert sind. BenutzerInnen können also via Datenbank ein Stichwort – zum Beispiel «Regionalisierung» – eingeben, den entsprechenden Kurztext in der Datenbank lesen und schliesslich mit der dazugehörigen Indexnummer die entsprechende Interviewstelle in der Audioquelle (Compact Disc) suchen und abhören. Sie können aber auch auf ein Datenbankfeld rekurrieren, das einer bestimmten Frage entspricht: zum Beispiel «Beschreibung Arbeitsalltag bei der Tagesschau», und die diesbezüglichen Aussagen verschiedener Tagesschauzeitzeugen vergleichen. Und so weiter. Die im Schweizerischen Bundesarchiv zugängliche Datenbank bietet vielfältige Recherchemöglichkeiten, und der entsprechende Originalton ist dank der in der Datenbank verzeichneten Indices in der Tonquelle leicht aufzufinden.

Angesichts der vor allem für die Frühzeit der Tagesschau prekären schriftlichen Quellenlage bilden die Erinnerungsinterviews einen wichtigen Baustein zur Erforschung der Tagesschaugeschichte, vor allem des Produktionsalltags. Es bleibt zu hoffen, dass diese Tonquellen und die Datenbank rege benützt und wissenschaftlich ausgewertet werden.

Bemerkungen zur Methodik und zur praktischen Durchführung der Oral-History-Interviews

Methodisch wirft die Zeitzeugenbefragung erhebliche Probleme auf. Ein historisches Interview ist kein Originalzeugnis aus der Vergangenheit, sondern ein nachträglich erzeugtes Kunstprodukt. Die Zeitzeugenbefragung ist infolgedessen eine mehrfach gebrochene Quelle, da sie ein Ergebnis aus dem Zusammenspiel von drei hauptsächlichen Faktoren ist: des/der Interviewten, des Interviewers/der Interviewerin und des öffentlichen Geschichtsbewusstseins. Der Wert und die Interpretation eines solchen Dokuments hängt somit von mehreren Aspekten ab:

  • den Fragen und Absichten des Interviewers/der Interviewerin;
  • dem Einfühlungsvermögen des Interviewers/der Interviewerin in die Person des/der Interviewten und dessen/deren Situation;
  • der Art des Interviews: gezielte Fragen zu bestimmten Gegenständen, offene Fragen zum Bericht über ganze Lebensabschnitte oder standardisierte Fragelisten mit festgelegten Auswahlantworten;
  • den Darstellungsfähigkeiten, Sichtweisen und Absichten des/der Interviewten;
  • dem Erinnerungsvermögen des/der Interviewten, dem Wandel der Erinnerung und den Verdrängungen;
  • dem Gegenstand der Erinnerung: private Geschichte, alltägliche Lebensumstände und -tätigkeiten, öffentliche bzw. allgemeine Geschichte;
  • der Art der Veröffentlichung (Verschriftlichung, Visualisierung …).

Zielsetzung, Hypothesen und Fragestellungen eines Interviews müssen daher möglichst klar formuliert und auch für die späteren BenutzerInnen offen gelegt werden, was zudem für die Vergleichbarkeit verschiedener Interviews zum gleichen Gegenstand erforderlich ist. Die InterviewerInnen müssen sich darüber klar werden, wie sie ihre jeweiligen InterviewpartnerInnen ansprechen und auf sie eingehen. Sie müssen sich darauf vorbereiten, durch Fragen auf die verschiedenen Aspekte ihres Themas zu lenken, um weitschweifiges Erzählen oder Wiederholungen zu vermeiden. Sie müssen sich überlegen, wie weit sie bei Lücken und Ungereimtheiten nachfragen, ohne den/die InterviewpartnerIn zu verletzen.

Im Projekt wurde die Befragung der Zeitzeugen und die dokumentarische Auswertung der Gespräche nach den praktischen Richtlinien der modernen «Oral History» durchgeführt. Es wurden interviewergeleitete Gespräche auf der Grundlage vorstrukturierter Fragebogen, doch in diskursiv offener Form durchgeführt. Der den InterviewerInnen zur Verfügung stehende Fragebogen umfasste Fragen zu folgenden Themenbereichen:

  • Biographischer Hintergrund
  • Umstände der Anstellung bei der Tagesschau
  • Arbeits- und Produktionsalltag bei der Tagesschau
  • Konzeptionelle Anforderungen an die Tagesschau (Form und Inhalt) und Diskussionen darüber
  • Arbeits- und Betriebsklima
  • Regionalisierung der Tagesschau

Die InterviewerInnen wurden angehalten, sich gründlich auf die Gespräche vorzubereiten. Soweit vorhanden wurden ihnen biographische Angaben zu ihren GesprächspartnerInnen zur Verfügung gestellt. Um kompetent nachfragen zu können, hatten sie sich auch mittels einer Dokumentation zur Geschichte der Tagesschau historisches Grundwissen anzueignen.

Für die Gesprächssituation als wichtig erachtet wurde ausserdem, die zu befragenden Personen über den genauen Sinn des Projekts aufzuklären und ihnen genügend Informationen zur Stützung des Gedächtnisses zur Verfügung zu stellen, damit sie vorbereitet und entsprechend bereit waren, nützliche Informationen zur jeweils interessierenden Thematik zu liefern. Dazu gehörte auch, die Interviewten über den Verwendungszweck des mit ihnen aufgezeichneten Erinnerungsgesprächs aufzuklären. Für die Benutzung der archivisch erfassten Oral-History-Aufzeichnungen legte das Schweizerische Bundesarchiv ihre Bestimmungen in einem Reglement nieder, das den Datenschutzbedürfnissen der Interviewten Rechnung trägt.

Befragt wurden ausschliesslich Kommunikatoren, d. h. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der dreisprachigen Tagesschau. Die Auswahl der Interviewpartner und -partnerinnen erfolgte nach den Parametern Sprachregion, Hierarchie, Arbeitsbereich (Redaktion, Produktion, Technik, Administration) und Zeitraum der Anstellung. Aus schriftlichen Quellen und aufgrund von Gesprächen mit langjährigen Tagesschauschaffenden wurde eine erste provisorische Namensliste zusammengestellt, die nach den erwähnten Parametern geordnet wurde. Danach wurde eine erste Selektion getroffen und Vorgespräche mit den ausgewählten Zeitzeugen der Tagesschau geführt. Die Angefragten erhielten überdies schriftliche Informationen zum Projekt. Allgemein zeigten sie grosses Interesse am Projekt. Nur wenige entschieden sich zur Absage.

   
  Copyright Memoriav 1999 / Letzte Aktualisierung: 03/1999