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  Sammlung Carlo Ponti
 

 

DAS BILD ALS UNTERHALTUNG
Pascale et Jean-Marc Bonnard Yersin,
Musée suisse de l'appareil photographique, Vevey

Das Bild hat den Menschen immer bezaubert, und er hatte Lust sich in diese Welt zu begeben, davon zu träumen, sich verwundern, überraschen, sogar zu erschrecken. Er erfand alle möglichen Maschinen, um Bilder besser zu beschauen, mitzuerleben.
Wahrscheinlich war es im XV. Jahrhundert als die Guckkastenbilder bekannt wurden. Stiche, oft coloriert, zeigten Landschaften, diverse Darstellungen und Innenräume mit einer übertriebenen Perspektive. Diese wurden in einem Kasten über einen Spiegel und mit einem Vergrösserungsglas betrachtet. Sie hatten grossen Erfolg und sind im XVII. Jahrhundert wie die Laterna magica in grosser Mode. Die Tiefenempfindung bei der Betrachtung der Bilder im Guckkasten fand die Fortsetzung im Erscheinen der stereoskopischen Bilder.
Es waren ausgeschnittene perspektivische Darstellungen auf mehreren Ebenen oder das Spiel mit Spiegeln, Taschentheater, Laternen mit gezeichneten Darstellungen auf einem Zylinder. Die Begeisterung für das Bild führte auch über das Spiel.
Das XVIII. Jahrhundert erlebte das Bildspektakel im grossen Format. Der Maler und Dramatiker Carmontelle entwarf Bilder auf langen Bändern aus dünnem perforiertem Papier mit vielseitigen Vorlagen. ”Er liess diese vor einer Fensterscheibe während Stunden durchlaufen, wie eine aufgeführte Komödie”. (Victor Fournet, Le Vieux Paris). 1787 erstellt der Schotte Robert Barker ein Riesenpanorama in einem runden Schuppen, in dessen Mitte die Zuschauer Platz nehmen. Sie sind ergriffen von den gewaltigen runden Bildern. Es sind Darstellungen von weiten Landschaften, Stadtansichten und als beliebtes Thema Kriegsschauplätze. Die Idee wird, mit grossem Erfolg, in Paris gegen Ende des Jahrhunderts übernommen, und man kann kleine Panoramen kaufen.
1808 wird im Palais Royal das Cosmorama eröffnet. Das Publikum kann die wichtigsten Gebäude und Gegenden der Welt betrachten. Die Bilder werden laufend ausgewechselt.
Die Idee, transparente Bilder zu verwenden, deren Prinzip schon 1618 durch den Mönch Nicéron beschrieben wurde in ”La perspective curieuse, ou magie artificielle des effets merveilleux de la catoptrique”, wird vermehrt benutzt. 1811 erstellt der Berner Maler Franz Niklaus König, auch bekannt als Theaterdekorateur, das Diaphanorama, Ansichten aus der Schweiz als Aquarell gemalt. Das Papier gewachst und bearbeitet, um den Effekt eines Transparentes zu erhalten. Diese Bilder, die Grössten waren weniger als ein Meter, wurden in einem abgedunkelten Raum im Auflicht und im Durchlicht betrachtet. Der Erfolg war so bedeutend, dass eine Wanderausstellung organisiert wurde, die 1821 auch in Paris zu sehen war.
Der Maler Louis-Jacques-Mandé Daguerre, eröffnete 1822 sein berühmtes Diorama, bevor er zum Vater der Fotografie ernannt wurde. Wurde er von König's Arbeiten inspiriert? In einem Gebäude, das für diesen besonderen Zweck erstellt wurde, konnte das Publikum eine Anzahl grossformatiger Gemälde mit verschiedenen Themen betrachten, die sich unter den bewundernden Blicken der Besucher verwandelten. Die Leinwände sind auf beiden Seiten bemalt und je nach der Beleuchtung, im Auflicht oder im Durchlicht, mit weissem oder farbigem Licht, wechselt der Effekt.
Leider fällt das Diorama im Jahre 1839 einer Feuersbrunst zum Opfer.
Eine andere Persönlichkeit mit Verbindung zur Fotografie war Alphonse Eugène Disderi. Er war der Erfinder des Porträts im Visitkarten-Format und hatte damit grossen Erfolg. Er zeigte 1852 in Brest, unterstützt vom Maler Diosse, ein 110 m langes Diorama. Diese Veranstaltung wurde zu einer finanziellen Katastrophe. Seiner öffentlichen Vorführung folgte die Herstellung von kleineren Modellen, Guckkästen, in denen mit einer Kurbel angetriebene Farbdrucke vorbei bewegt wurden.
In den Jahren nach 1860 erschien die Glasplatte und das dünne Albumin Kopierpapier. Das gab den Liebhabern des fotografischen Bildes die Möglichkeit, den Effekt des eindrücklichen Dioramas zu nutzen, und zwar in ganz unterschiedlichen Grössen.
In diesem Sinne schuf Carlo Ponti sein Aletoskop und dessen Varianten. Er fand eine eigene Technik für die Herstellung der Bildtafeln mit dem Tag- und Nachteffekt.
Dieselbe Wirkung wurde mit der Stereofotografie erzielt. Die Bilder wurden mit einem Stereoskop betrachtet, damit wurde die Reliefwirkung erzielt, aber auch mit Postkarten, die anfangs des XX. Jahrhunderts beliebt waren.
Interessanterweise führt die Erfindung von Carlo Ponti während des ”Second Empire” zu einer sichtbaren Belebung des Bildbetrachtens mit optischen Mitteln, ohne jedoch die Fotografie zu nutzen. Es ist das ”Polyorama panoptique” des Pariser Optikers Lemaire. Dieser kleine Bruder des Aletoskops wurde in drei Grössen, in Holz und gepresstem Karton gebaut. Es wurde zusammen mit 6 oder 12 Bildern verkauft, in satten Farben gedruckt, mit einem zweiten Druck für den Nachteffekt.
So passt die Erfindung von Carlo Ponti ausgezeichnet in die Tendenz, das Bild zur Unterhaltung einzusetzen. Diese Bewegung, die auf Urzeiten zurückgeht, hat sich im letzten Jahrhundert entfaltet. Die Fotografie trug entscheidend zu dieser Entwicklung bei und ging der Erfindung der Cinématographie durch die Brüder Lumière voraus, welche die bis anhin gängigen optischen Unterhaltungsformen in den Schatten stellt.

   
  Copyright Musée suisse de l'appareil photographique, Vevey und Datenbank Schweizerische Kulturgüter, Bern, 1996 / Letzte Aktualisierung: 08/1998