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VORWORT
von Dr. Jean-Frédéric Jauslin, Direktor der Schweizerischen Nationalbibliothek
Man ist
im Bild: Baudelaire, dieser Vater der modernen Ästhetik, sah in
der Photographie nur ein Vehikel des Fortschritts, dazu angelegt,
Kunst und Schönheit zu korrumpieren. Glücklicherweise haben andere
Dichter-Theoretiker nach ihm die geheimen Kräfte dieses neuen
Mediums geahnt: ”Das Wort konvulsivisch, das ich verwendet habe,
um die Schönheit zu kennzeichnen, der allein, meine ich, man dienen
sollte, verlöre in meinen Augen seinen ganzen Sinn, wenn man es
als eine Bewegung begreifen würde und nicht als genau den Moment,
wo diese Bewegung in Stillstand übergeht. Schönheit - konvulsivische
Schönheit - kann nur sein, wenn man wahrnimmt, dass eine Wechselbeziehung
das Objekt der Betrachtung im Zustand der Bewegung und in dem
der Ruhe verbindet. Ich bedaure, dass ich den Abbildungsteil diese
Bandes nicht durch die Photographie einer während Jahren dem wütenden
Wuchern des Urwalds überlassenen Hochleistungslokomotive habe
ergänzen können.” Beim Lesen dieser Zeilen von André Breton in
”L’Amour fou” wird mir plötzlich bewusst, auf was für ein ausgefallenes
Wagnis sich, in der ersten Jahrhunderthälfte, die Kunstbetrachtung
des Surrealismus da eingelassen hat: Bewegung und Ruhe miteinander
auszusöhnen - zwei ästhetische Grundpositionen, wie sie für Baudelaire
typisch sind und die seiner Ausdehnung in die Unendlichkeit, seiner
Natur ohne festen Umriss Schönheit verleihen. Für Breton ereignet
sich diese Aussöhnung - gar nicht zufällig - durch die Vermittlung
der Photographie. Gewiss, sie ist für ihn immer noch nur eine
Ergänzung zu anderen Abbildungsformen, dokumentarische Stütze
einer Idee, eines Traums. Aber auch wenn fiktiv, fast virtuell,
die Photographie der Lokomotive ist trotzdem ein Spiegelbild überwirklicher
Schönheit, und sie bewirkt, dass wir uns diese Maschine von jetzt
an nicht anders vorstellen als aus der Bewegung gezeugt, als für
die Bewegung geschaffen. Gleichzeitig ist sie jedoch mit Unbeweglichkeit
geschlagen, zweifach sogar: ausgeliefert einer Natur, die nach
dem Rhythmus von Jahrtausenden lebt, und ausgeliefert dem irreversiblen
Augenblickszugriff des Objektivs.
Irreversibel?
Vielleicht nicht ganz. Selbst wenn wir ein photographisches Gedächtnis
hätten, unbesiegbar wäre es nicht. Zeit und Natur sind da zu mächtige
Gegner. Das wird uns klar, wenn wir die Photographie jener Lokomotive
noch einmal vor das geistige Auge nehmen. Sie datiert wie Bretons
”L’Amour fou” aus den dreissiger Jahren. Der Urwald, der seine
Beute unentwegt weiterverdaut, hat nun auch das Bild erfasst.
Es ist vergilbt, die Kontraste verblassen, das Papier ist trocken
und brüchig geworden, hier und dort eingerissen... Bald wird nichts
mehr zu sehen sein: weder die Lokomotive, noch der Urwald, noch
die Schönheit, die ein Traum einst hervorgebracht hat.
Zum Glück
können wir das Unvermeidliche hinausschieben und den Prozess der
Selbstauflösung bremsen. MEMORIAV hat sich dieses Ziel gesetzt.
Dieser Verein, zu dessen Gründungsmitgliedern das Schweizerische
Bundesarchiv, die Nationalbibliothek
, die”Cinémathèque suisse” ,
die ”Fonoteca nazionale svizzera”, die Schweizerische Radio- und
Fernsehgesellschaft und das Bundesamt für Kommunikation gehören,
setzt sich dafür ein, das audiovisuelle Kulturgut der Schweiz
zu erhalten, kämpft dafür, dass wert- und bedeutungsvolle Bilder
und Töne, die unser kulturelles Leben immer wieder, immer neu
bereichert haben, sich aber heute in einem alarmierend schlechten
Zustand befinden, gerettet werden können. Eine erste konkrete
Aktion des Vereins bestand darin, die Restaurierung dieser wundervollen
Sammlung Carlo Ponti zu finanzieren. Es ist das Verdienst des
Schweizer Kameramuseums in Vevey, sie, unter nicht ganz einfachen
Umständen, erworben zu haben. Das Atelier ”La Chambre Claire”,
Neuchâtel, hat die Mission mit beispielhaftem Einsatz weiter-
und zu Ende geführt. Ich freue mich, M. und Mme Bonnard Yersin,
den Konservatoren des Kameramuseums in Vevey, und M. Christophe
Brandt und seinem Team in Neuchâtel im Namen des Vereins auch
hier Dank und Anerkennung auszusprechen; wir alle wünschen, dass
sich diesem ersten zahlreiche weitere Erfolge anschliessen werden.
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