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Nachlass Renée Schwarzenbach-Wille: Bericht

 


Familienfilm und das Memoriav-Projekt zur Sicherung einer Auswahl von Filmen von Renée Schwarzenbach-Wille
Mariann Sträuli Januar 2007

Familienfilme sind so alt wie Film, schon unter den allerersten Filmaufnahmen von Louis Lumière im Jahre 1895 ist die Aufnahme LE REPAS DE BEBE, wo Lumière-Eltern ein Lumière-Bébé füttern, ein typisches Familienfilmsujet. Aber die Zeit des eigentlichen Familienfilms beginnt in den zwanziger Jahren, als Pathé das 9.5mm Format und Kodak den 16mm-Film auf den Markt bringt, Schmalfilmformate mit kleinen, leichten, einfach handzuhabenden Kameras und Projektoren. In gutsituierten Familien wird schon Ende der zwanziger Jahre viel gefilmt. Zum Massenphänomen wird der Familienfilm mit der Einführung von Super-8 um 1965.
Privataufnahmen haben völlig andere inhaltliche, formale und technische Eigenarten als Kinospielfilm. Sie sind für ein ganz spezifisches Publikum gedacht und gemacht und für die Familie, für die Personen vor und hinter der Kamera. In manchen Fällen - das trifft vermutlich für die Filme von Renée Schwarzenbach-Wille zu - wurden sie ausschliesslich zum persönlichen Gebrauch des Filmers oder der Filmerin gedreht - für die Aufnahmen von Renée Schwarzenbach gibt es keine Hinweise und Erinnerungen an Vorführungen im Familienkreis. Ihre Filme sind aber sorgfältig und systematisch getitelt und ediert - ähnlich wie ihre Fotoalben - und zeigen Projektionsspuren.

Familienfilme haben keine Unterhaltungsdramaturgie wie fiktionale Filme. Spannend, ästhetisch anspruchsvoll oder spektakulär zu sein ist kein Gesichtspunkt in dieser Produktion, sondern es geht zentral um die Aufzeichnung von Erinnerungswürdigem und um die präventive Produktion eines visuellen Gedächtnisses. Die zentralen Sujets sind deshalb Familienfeste, kleine Kinder, Haustiere, Haus, Garten, Familienmitglieder, Verwandte, Freundinnen, Geliebte, Menschen, Reisen und Ferien, also dieselben Sujets wie die Privatfotografie. Die filmischen Aufzeichnungen weisen oft charakteristische technische Unvollkommenheiten auf wie überbelichtete oder unscharfe Passagen oder es wurde die Kamera nicht rechtzeitig abgestellt, sondern einfach heruntergenommen (diese charakteristischen Mängel finden sich im Bestand R.S.); dies im Gegensatz zum Amateurfilm, der formal und technisch oft sehr ambitioniert ist.
Anders als beim Amateurfilm oder bei Künstlern, die Schmalfilm als Medium benutzen, ist beim Familienfilm wichtiger, dass auf Film aufgenommen wird, was man aufgenommen haben will, als wer die Kamera führt; es gibt keinen emphatischen Autorenbegriff. Die Kamera kann ohne weiteres die Hand wechseln. Zum Beispiel hat sich Renée Schwarzenbach häufig aufnehmen lassen, zumal beim Reiten (wahrscheinlich von ihrem Sohn Freddy) und immer wieder auch von ihrer Geliebten Emmy Krüger.
Familienfilme stehen ausserhalb der offiziellen Produktion und Filmgeschichte, und auch wenn einige Bestände sich in Archiven finden, haben wir keine Ahnung wie viel sich wo befindet - wir können annehmen, dass es relativ viele Bestände gab, viele davon bereits verschwunden sind, viele vielleicht noch gibt: ein unbekannter Kontinent. Meines Wissens ist dies das erste offizielle Restaurierungsprojekt im Genre Familienfilm in der Schweiz.

Weshalb wurde nun als erste eine Auswahl gerade der Filme von Renée Schwarzenbach-Wille restauriert und nicht einer der vielen anderen? Was zeichnet diesen Bestand vor anderen aus?
Um kurz einige Gründe zu nennen:

Es gibt erstens in diesem Bestand, in den Filmen, ein ungewöhnlich grosses Spektrum zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Es sind einerseits filmischen Dokumente wichtiger öffentlicher Ereignisse vorhanden wie die Wehrvorführung vom 1. August 1939 oder der Beerdigung von Siegfried Wagner in Bayreuth - offenbar die einzige bekannte Filmaufnahme dieses Ereignisses, zudem ein sehr schöner Film - vorhanden, andererseits Aufzeichnung der ganz persönlichen Wahrnehmung, das Kameraauge der Filmerin nimmt, zum Beispiel in ALLERLEI AUS DEM JAHR 1937, geliebte Landschaften, Dinge und Menschen ruhig wahr. Dazwischen alle Mischformen und Abstufungen. Dieses grosse Spektrum und die Vielfalt der Sujets und Blickweisen ist eine Qualität.

Zweitens sind die Filme Teil eines ungewöhnlich grossen und komplexen Dokumentenbestandes, den ein Mensch über sein Leben angelegt hat, mit Fotoalben, Tagebüchern, Briefen und Filmen, und die verschiedenen Dokumente ergänzen und erhellen sich gegenseitig. Drittens hat dieser Mensch, Renée Schwarzenbach einen beträchtlichen öffentlich-historische Status, als Tochter von General Wille und Clara Wille-Bismarck, als Schwester von Korpskommandant Ully Wille, als (oft negativ dargestellte) Mutter von Annemarie Schwarzenbach und als Protagonistin der umfassenden Biographie von Alexis Schwarzenbach (DIE GEBORENE), sowie als wichtige Figur in biografischen Romanen (LEI COSI AMATA von Melania Mazucco) oder essayistisch-politischen Arbeiten (DIE WELT ALS WILLE UND WAHN von Niklaus Meienberg). Es sind somit Privatfilme, zu denen wir ungewöhnlich viel Begleitinformationen haben, und das ist deshalb so wichtig als Familienfilme nicht autonome Kunstwerke sind oder eine abgeschlossene spannende Geschichte erzählen. Ihr "Text" ("Seelentext", nannte es Victor Klemperer) liegt ausserhalb des Films.

Die Filme von Renée Schwarzenbach-Wille wurden im Jahr 2000 vom Rechtsinhaber Alexis Schwarzenbach (einem Urenkel von R. S.) der Filmerin Carole Bonstein zur Verfügung gestellt, die Passagen daraus für einen Fernsehfilm über Annemarie Schwarzenbach verwendete (UNE SUISSE REBELLE, CH 2002). Bei dieser Gelegenheit wurde der Gesamtbestand auf Digital Beta übertragen, so dass Konsultationselemente existieren.
Privataufnahmen werden häufig und gern für neue Filme benutzt, normalerweise in sehr stark bearbeiteter Form, sei es für biografische Dokumentarfilme (z.B. Bonstein), autobiografische Essayfilme (z.B. Alina Marazzi, Yael Parish), Experimentalfilme (Peter Tscherkassy). Die Gattung, die Bilder werden dadurch auf die Oberfläche der Gegenwart gebracht, und das gibt ihnen ein erneuertes kulturelles Leben. Andererseits erleidet das originale Filmmaterial bei dieser Passage nicht selten starke Schäden - Alina Marazzi, Filmautorin von UN ORA SOLA TI VORREI, CH/I, 2002, beschreibt in aller Unschuld wie ihr die vom Grossvater Ulrico Hoepli gedrehten Filme bei der Vorarbeit für ihren Film im Projektor reissen und sie alles mit scotch zusammenklebt....

Für das Restaurierungsprojekt stand ein kleines Budget zur Verfügung. Es wurde einerseits zur Duplikation einer repräsentativen Auswahl von Filmen auf dem Originalformat 16mm eingesetzt, andererseits für eine korrekte Konditionierung der Originale für die Archivierung.

   
   
  Copyright Memoriav 2007 / Letzte Aktualisierung: 16.09.2008