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  Dringende Massnahmen / Die Sammlung Joly-Normandin
 


Übersicht

Restaurieren, wozu ? - Die Sammlung Joly-Normandin: vom Operationstisch zur Piazza Grande

Nadya Rohrbach, Memoriav

Dem Publikum des 50. Internationalen Filmfestivals von Locarno wird die Möglichkeit geboten, in einer Voraufführung die Sammlung Joly-Normandin zu entdecken. Ihr Name leitet sich vom Apparat ab, mit dem die Filme aufgenommen und projiziert wurden. Diese Sammlung von Filmen aus dem Jahr 1896 konnte dank der von Memoriav zugeteilten Bundesbeiträge für "dringende Massnahmen" restauriert werden.

Bevor sich die verschiedenen Akteure des Dramas -- der Entdecker, der Verwahrer, der Historiker und die verschiedenen Förderinstitutionen -- an die Hebung eines solchen Schatzes wagen, stellen sie sich zwangsläufig einige Fragen. Lohnt es sich, diese Filme zu konservieren, ja sogar zu restaurieren und wenn ja, mit welchen Mitteln, für welches Publikum und zu welchem Zweck?

Eine Auswahl vorzunehmen ist schwierig, wenn man sich die Pionierjahre der siebten Kunst in Erinnerung ruft und weiss, dass die zufällig vorgefundenen Filmrollen nur 5 % der damaligen Produktion ausmachen. Ein Beispiel: Die zwei als schweizerisch -- und überdies als waadtländisch -- identifizierten Motive der Sammlung Joly-Normandin vervollständigen die in der Cinémathèque suisse aufbewahrte waadtländische Filmsammlung, die für die Periode 1896-1910 lediglich sechs weitere Motive umfasst (fünf Filme des schweizerischen Lumière-Katalogs und einen Film über das Winzerfest von 1905) (1). Wider Erwarten setzt sich der Grossteil der Produktion nicht aus Fiktionsfilm, sondern aus dokumentarischem, pädagogischem und didaktischem Material, ja sogar Reklamestreifen zusammen (Filme von Lavanchy-Clarke für Sunlight-Seife) und stellt damit einen Quellenfundus dar, den der Historiker nicht missen möchte. Die Sammlung Joly-Normandin bildet ein buntes Gemisch damals beliebter Genres: Ereignisse, burleske Szenen, Sport, Alltagsleben usw.

Wie sichert man ein filmisches Dokument?
Als erstes stellt sich dem Historiker die Aufgabe, die Sammlung zu identifizieren. Dafür stehen ihm verschiedene Mittel zur Verfügung. Im Fall der Sammlung Joly-Normandin (2) war kein Begleitmaterial (Korrespondenz, Rechnung, Beschreibung usw.) vorhanden. Das Feuille d'avis de Vevey (8. Oktober 1896) verrät jedoch, dass bei den ersten Filmvorführungen der Stadt Vevey, die vom 7. bis zum 21. Oktober 1896 stattfanden, neun Motive aus der heutigen Sammlung Joly-Normandin gezeigt wurden. Beim ersten Visionnieren ist auf einem der Filme die Pontaise-Kaserne in Lausanne zu erkennen. Eine entsprechende Recherche in der Lokalpresse fördert zutage, dass das Landwehrbataillon 8 im Herbst 1896 einen Wiederholungskurs in der Pontaise-Kaserne absolvierte und im Oktober 1896 ein Film mit dem Titel "le bataillon 8, en caserne de la Ponthaise [sic]" in Vevey vorgeführt wurde. Motiv und Datum des Films stehen damit fest. Eine andere Möglichkeit, einen Streifen zu identifizieren, besteht darin, die Bilder mit anderen sorgfältig dokumentierten Filmen der gleichen Epoche (aus dem Katalog Lumière zum Beispiel) zu vergleichen. Auf diese Weise lässt sich feststellen, dass gewisse Motive damals sehr beliebt waren und die Szenerien oft identisch sind (mehrere Filme über den zoologischen Garten in Paris, Motiv des in einen Bahnhof einfahrenden Zugs).

Last but not least liefert der Filmträger wertvolle Hinweise für die Identifikation und Datierung der Sammlung. So erlaubt es das ungenormte Filmmaterial der Sammlung Joly-Normandin, die Filme der Pionierperiode des Kinos zuzuordnen -- einer Periode, in der die unterschiedlichsten Formate Verwendung fanden. Die Nachforschungen von Roland Cosandey zeigten, dass der für die Filmaufnahmen verwendete Apparat mit dem von Henri-Joseph Joly fabrizierten und zusammen mit seinem Mitarbeiter Eugène Normandin Ende 1896 kommerzialisierten Gerät identisch sein dürfte. Die Kamera wurde 1897 auf den Namen "Royal Biograph" getauft. Beim Durchlesen des Patentscheins stellte der Historiker fest, dass die Kamera auch zur Projektion verwendet werden konnte. Diese vom Trägermaterial abgeleiteten Informationen entkräfteten die Hypothese, wonach die ersten nach der Landesausstellung stattfindenden Filmprojektionen mit Lumière-Apparaten vorgenommen worden seien.

Nach Abschluss der mit Hilfe des Originals sorgfältig durchgeführten dokumentarischen Arbeit kann der Film dem Techniker anvertraut werden, der den Fortbestand des Dokuments zu garantieren hat. Meistens geht es darum, den Film auf ein stabileres Trägermaterial, Sicherheits- oder Safety-Kopie genannt, zu übertragen (Übertragung vom entzündlichen Zellulosenitrat, das in den fünfziger Jahren aufgegeben wurde, auf Zelluloseazetat) (3). In gewissen Fällen läuft die Restaurierung auf eine eigentliche Wiederherstellung aus Fragmenten oder mehreren Kopien des gleichen Films hinaus. Das Original selbst wird im Prinzip nicht mehr benutzt und muss unter Bedingungen konserviert werden, die seinen natürlichen Zerfall verlangsamen (dem Trägermaterial angepasste Temperatur und Feuchtigkeit).

Wer profitiert?
Eine solche Arbeit ist vor allem für die Forschung bestimmt. Die Filmgeschichte ist eine in voller Entwicklung begriffene Wissenschaft, die versucht, ihre Quellen zu identifizieren, eine Methodologie auszuarbeiten, ihre Werkzeuge zu schaffen. Die ästhetischen Studien, wie sie die ersten Cineasten praktizierten, haben einer Vielfalt fachübergreifender Fragestellungen Platz gemacht, die neue Erkenntnisse gebracht haben (4). Auf akademischer Ebene verfügt die Schweiz momentan über zwei Abteilungen, die sich der Filmgeschichte widmen. Es handelt sich um die Section dëhistoire du cinéma der Universität Lausanne und um das Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Nicht weniger aktiv wird aber auch in anderen Fachrichtungen, hauptsächlich der Philosophischen Fakultät (Geschichte, Soziologie, Literatur), geforscht. Konkrete Unterstützung kommt dabei von verschiedenen Instituten, insbesondere von jenen, die sich der Medienforschung widmen (in Fribourg, Lugano, Zürich, Bern, um nur einige zu nennen). Erwähnt sei noch das CHERSA (Centre dëhistoriographie et de recherche sur les sources audiovisuelles), das seinen Sitz an der Universität Genf hat. Es bestehen also verschiedene Möglichkeiten, um den Film als Quelle oder als ökonomisches und soziologisches Phänomen zu studieren. Die Forscher betrachten die restaurierten Filme an speziellen Visionniertischen, die es erlauben, die Durchlaufgeschwindigkeit den Bedürfnissen anzupassen. Die Cinémathèque suisse ist mit solchen Apparaten ausgerüstet. Bescheidener ausgestattete Mediotheken haben die Möglichkeit, den Forschern die Filme auf Videoträgern zur Verfügung zu stellen. Eine sich auf den Originalträger beziehende Dokumentation bietet, falls vorhanden, eine willkommene Ergänzung. Die Massnahmen zur Rettung des kinematographischen Kulturguts berühren auch das Bildungswesen, das Kunstschaffen und das breite Publikum. Letzteres kann sich die Rosinen aus dem Kuchen picken, kommt es doch in den Genuss, der Projektion der restaurierten Filme beiwohnen zu dürfen ñ so auch das Publikum auf der Piazza Grande während des Filmfestivals von Locarno.

Die audiovisuellen Quellen gehören zu den jüngsten in der Menschheitsgeschichte, paradoxerweise sind sie aber am meisten vom Zerfall bedroht. Diese jüngste Vergangenheit meint man am besten zu kennen. Die Erinnerungen, die Gerüchte, die aus aktuellen Ereignissen gezogenen Schlussfolgerungen sind jedoch auch Faktoren, die die Wahrheit verfälschen. Wer hat wohl noch nie die Leier gehört: «Damals war es anders, wir haben es so gemacht»? Der Verein Memoriav hat sich zum Ziel gesetzt, dem Publikum den Zugang zum audiovisuellen Kulturgut zu garantieren, damit diese nicht allzuweit zurückreichende Vergangenheit rekonstruiert und von jenen Klischees und Wahrnehmungsfehlern gesäubert werden kann, die im Zerrspiegel unserer heutigen Überzeugungen entstehen.

Anmerkungen
(1) Kollektiv, "Eléments d'inventaire 1896-1939". In: Revue historique vaudoise. Limite non-frontière: aspects du cinéma dans le canton de Vaud. Société vaudoise d'histoire et d'archéologie. Lausanne. 1996. S. 199-239.

(2) Vgl. für die Identifizierungsarbeit und die Beschreibung der Sammlung Joly-Normandin: Cosandey, Roland. Cinéma 1900. Trente films dans un carton à chaussures. Payot. Lausanne. 1996. S. 20-25, 39-40, 48-69.

(3) Junod, Jean-Blaise. "Conservation et restauration des films". In: Musée Neuchâtelois. Nr. 4/95. S. 165-178.

(4) Lagny, Michèle. De l'histoire du cinéma. Méthode historique et histoire du cinéma. Armand Colin. Paris. 1991. 298 S.


Restauration der Sammlung Joly-Normandin

Hervé Dumont, Cinémathèque suisse

Bei den fünfzehn Filmen der Sammlung Joly-Normandin, von je einminütiger Länge (Frequenz: 16 Bilder/Sekunde), handelt es sich um nicht standardisierte 35mm-Positivfilme auf Nitratbasis. Sie weisen pro Bild fünf Perforationen (anstelle von vier) auf und besitzen dadurch ein perfekt quadratisches Format.

Die Cinémathèque suisse, Verwalterin der Sammlung, vergab den Auftrag an Hermann Wetter (Spezialeffekte und kinematographische Techniken) in Genf, der 1996 schon die Sammlung Balissat restauriert hatte. Dieser passte seine Maschinen der speziellen Perforation an, verzichtete aber schliesslich darauf, die Filme selbst zu restaurieren, weil sich das Material als ausserordentlich brüchig erwies (dünnere Beschaffenheit als die Filme der Sammlung Balissat).

Auf Empfehlung von Gian Luca Farinelli (Cinémathèque von Bologna) betraute Hermann Wetter das Speziallabor "Image Creations" in Amsterdam mit dem Auftrag. Vorgängig hatte Hermann Wetter schon jedes einzelne Bild gereinigt (Veränderungen der Emulsion, verschiedene Verunreinigungen) und repariert (viele Risse). In Amsterdam wurden die Filme nicht durch ein Kopierwerk gezogen, weil dessen Fenster das quadratische Format des Originalbildes verstümmelt hätte. Stattdessen wurde jedes einzelne Bild nochmals gefilmt. Dieses Verfahren ermöglichte zudem, die damalige Kamerainstabilität zu korrigieren. Man erhielt so Aufnahmen, die beständiger waren als bei der Projektion von 1896.


Liste der Filme

Unter Vorbehalt kurzfristig vorgenommener Änderungen (Anzahl der Motive und Reihenfolge) finden Sie nachstehend das Programm, das die Zuschauer bei Eröffnung des 50. Internationalen Filmfestivals von Locarno als Vorpremière entdecken können (Mittwoch, 6. August, 21.00 Uhr auf der Piazza Grande):

Bei den Titeln handelt es sich um Zuordnungen.

1. Ankunft eines Zugs im Bahnhof, Paris. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
2. Ausschiffen der Major-Davel, Ouchy, Lausanne Schweiz, 1896. Kamera Joly-Normandin, Operateur unbekannt
3. Im zoologischen Garten, Paris, 1. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
4. Im zoologischen Garten, Paris, 2. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
5. Salon-Taschenspielereien. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
6. Französischer Boxsport. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
7. Mahlzeit in der Kaserne. Kopie A. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
8. Mahlzeit in der Kaserne. Kopie B. Joly-Normandin, Frankreich
9. Das Bataillon 8 in der Pontaise-Kaserne, Lausanne Schweiz, 1896. Joly-Normandin
10. Militärdéfilé, Paris (?). Joly-Normandin, Frankreich, 1896
11. Umzug des Zaren Nikolaus II. in Paris. Joly-Normandin, Frankreich, Oktober 1896
12. Nikolaus II. und die Zarin beim Verlassen des Panthéon. Joly-Normandin, Frankreich, 7. Oktober 1896
13. Der Austräger, der Laufbursche und der kleine Schornsteinfeger. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
14. Der Kutscher und der säumige Zahler. Joly-Normandin, Frankreich, 1896
15. Der betrunkene Mann und die Kneipe. Joly-Normandin, Frankreich, 1896

   
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